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Blind für Gefühle: Weder Trauer noch Freude werden empfunden

Geschrieben von: Regina Koch Dienstag, den 15. November 2016 um 15:07 Uhr

„Schon beim Stillen spiegelt die Mutter in ihrer Mimik das Innenleben des Säuglings.“ Sämtliche Emotionen wie Freude, Glück, Wut und Ängste werden damit verknüpft!

Alexitymie ist keine Krankheit, sondern ein gleichmäßig in der Bevölkerung verteiltes Persönlichkeitsmerkmal. Es gibt Menschen, die mit Gefühlen gut umgehen können, und eben welche, die damit schlecht umgehen können.

In der bislang größten deutschen Alexithymie-Studie haben Forscher der Universitäten Leipzig und Düsseldorf herausgefunden und veröffentlicht, dass das Phänomen auch hierzulande erstaunlich weit verbreitet ist – jeder Zehnte der über 1800 Teilnehmer wies deutliche Merkmale von Gefühlsblindheit auf, eher Männer als Frauen, eher Arme als Reiche, eher Geschiedene als Verheiratete.

Die Betroffenen können mitunter komplexe mathematische Probleme lösen oder mit verbundenen Augen Motoren zerlegen, aber zu sich selbst fehlt ihnen der Zugang, erläutert Henrik Kessler von der Universitätsklinik Bonn. Und weil sie auch die Gefühle anderer Personen nicht spüren, leben sie weitgehend außerhalb jener sozialen Sphäre, die andere Menschen miteinander teilen.

Manchmal schließt sich das Tor zur Innenwelt im Erwachsenenalter nach einem Trauma – etwa wenn das Opfer eines Verkehrsunfalls jede Empfindung scheut, die an das Ereignis erinnern könnte. Fast alle Alexithyme wurden als Kinder emotional vernachlässigt. Um sich gegen diesen Stress zu schützen, fährt der Körper den Cortisolspiegel (Stresspegel) herunter.

Warum nehmen Alexithyme Gefühle nicht bewusst wahr?

Es spricht dafür, dass in ihren Gehirnen das limbische System nicht richtig mit dem präfrontalen Cortex vernetzt ist. Bei Angstzuständen, z. B. wenn wir eine Schlange sehen, schlagen im Normalfall die Mandelkerne Alarm: Das Herz schlägt schneller, Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet – wir machen uns aus dem Staub, noch bevor uns die Gefahr bewusst ist. Im präfrontalen Cortex nehmen wir die Gefühle dann bewusst wahr. Dort erleben wir die Angst als Angst – und reflektieren, warum wir sie empfinden. Wird uns klar, dass die Schlange eigentlich nur ein großer Regenwurm ist, gibt diese Region Entwarnung. Ein Ventil wird geöffnet, der Dampf abgelassen, der Affekt gedämpft.

Bei Alexithymen funktioniert das offenbar nicht. Deswegen stehen sie ständig unter Druck und werden oft krank. (Quelle: ZEIT-Wissen)

Fallstudie

Jasmine M., 35 Jahre, verheiratet, wurde zuerst ohne Mann bei mir in der Praxis vorstellig. Sie berichtet, dass sie unbedingt eine Paartherapie machen müsse, sonst sehe sie keine Chance mehr für ihre Ehe, ihr Mann mache sie kaputt. Sie halte es mit ihrem Mann nicht mehr länger aus, müsse viel weinen, könne nachts schlecht schlafen und dächte schon an eine Trennung.

Sie schildert mir ihren ehelichen Zustand: Seit fünf Jahren sind sie verheiratet und am Anfang der Ehe hatte ihr Mann Steven, 38 Jahre, bereits schon diffuse, somatische Regungen, deutete dies als Krankheit. Seine Symptome waren Pulsrasen, Nervosität und Beschwerden im kardiovas-kulären Bereich sowie Herzstolpern. Er begann also eine Reise durch die Wartezimmer der Ärzte, die konnten aber keine physischen Erkrankungen diagnostizieren.

Nach etlichen Jahren gerät er durch einen Zufall an einen Psychosomatiker, der tauchte dann in ihr Leben ein und offerierte ihm: „Wenn Sie Ihre Ehe noch retten wollen, dann suchen Sie sich bitte einen Psychotherapeuten/ eine Psychotherapeutin, Sie sind ein Alexithymer.“ Steven M. konnte mit der Diagnose „Alexithymie“ zunächst natürlich nichts anfangen.

Und so ist das Ehepaar zu mir in die Praxis gekommen. Jasmine M. erzählt, ihr Mann sei ein stiller, zuverlässiger Ehemann, dem seine Frau aber scheinbar völlig egal ist, er bastle am Wochenende an drei riesigen Satellitenschüsseln herum, 1 000 Programme könne er damit dann empfangen – doch das Berechnen des Ausrichtungswinkels liegt ihm mehr, als sich um mich zu kümmern und am Wochenende mit mir etwas zu unternehmen oder zu kuscheln und zu schmusen.

Immer wieder bettelte sie, er solle sich doch wenigstens den anderen gegenüber gefühlvoller, empathischer verhalten, aber nein, er kann es einfach nicht.

Eines Tages hält es Jasmine M. nicht mehr aus. Sie weint, brüllt, fleht ihn an, er solle sich mehr bemühen, aber er erwidert nichts und starrt sie nur an. Steven M. spürt nicht die Gefühle anderer Personen, er lebt außerhalb jener sozialen Sphäre, die andere Menschen miteinander teilen, dennoch ist er in seinem Beruf als Ingenieur sehr erfolgreich.

Bei unseren Gesprächen in der Praxis berichtet Steven M., dass er vier Jahre alt war, als seine Mutter an Brustkrebs starb. „Damals hat mich mein Vater nicht mal mehr ans Krankenbett gelassen, damit ich mich verabschieden kann – und auch nie mehr darüber gesprochen.“

Der Vater heiratete wenig später die Schwester der Verstorbenen, die für die drei Kinder sorgte und noch zwei weitere bekam. Den kleinen Steven behandelte sie allerdings nie wie ihre eigenen Kinder. Sie schmierte ihm das Schulbrot und achtete darauf, dass er saubere Kleidung trug – ein zärtliches Streicheln gab es aber so gut wie nie.

Steven M. ist schon seit geraumer Zeit bei mir in Therapie, es hat sich eine gute Compliance eingestellt. Er hat zum ersten Mal das Grab seiner Mutter besucht.

Wir arbeiten mit der emotionalen Kommunikation, der Zugang zu den verschütteten Emotionen aus der Kindheit wird nochmal durchlebt und angeschaut. Die innere Kindarbeit bleibt dabei nicht aus, um seine eigenen Anteile wieder zurückzubekommen. Körperwahrnehmungs-Übungen (Body-Scan) helfen Steven, seine Empfindungen selbst zu erfassen. Verhaltenstherapie binde ich erst später mit ein. Vor Kurzem meinte er: „Ich erfahre im Moment so viel über mich und das Wichtigste ist, dass ich jetzt selbst an mir arbeite und dranbleibe, ich möchte nämlich meine Frau nicht verlieren!“

Im Alltag fallen Alexithyme in der Regel nicht auf. Kaum einer von ihnen geht zum Arzt und lässt sich testen, weil ihm die Frau Gefühllosigkeit vorwirft und er nie auf Partys eingeladen wird. Und falls doch einmal einer ärztliche Hilfe sucht, dann meist wegen psychosomatischer Krankheiten.

Denn die Körper von Gefühlsblinden stehen häufig unter diffuser Anspannung und Dauerstress. Viele von ihnen leiden an Kopfschmerzen, Bluthochdruck oder anderen Symptomen, für die es keine unmittelbare Ursache gibt. Viele finden den Weg zu einer psychotherapeutischen Behandlung erst unter immensem Leidensdruck – wenn die Ehe gescheitert ist, eine Depression sich nicht bessert oder die vermeintliche somatische Erkrankung austherapiert ist.

Nur ein paar Merkmale

  • logische, konkrete, realistische Denkweise
  • Neigung, Gefühle durch Handlungen auszudrücken
  • Konflikte durch Handlungen entschärfen
  • Verhalten sozial angepasst (zurückhaltend, unauffällig)
  • eingeschränkte Vorstellungskraft
  • Probleme beim Erkennen von Gefühlen anderen gegenüber
  • es fällt schwer, Gefühle in Worte auszudrücken
  • erinnern sich selten an Träume
  • die Phantasiewelt ist eingeschränkt

Das Ziel der Therapie ist, Gefühle spüren zu lernen und sich einzulassen! Sinnvolle Ansätze sind in der Therapie Empfindungsübungen. Die Menschen sollten lernen, ihre Gefühle zunächst zu spüren und dann zu benennen. Emotionale Kommunikation ist ein Schlüsselfaktor, und wenn der Mensch Zugang zu der verschütteten Emotionalität bekommen hat, kann er mit allen Sinnen (VAKOG) in ein gefühlsvolles Leben wieder eintauchen. Das Wichtigste an der Therapie ist, den Patienten da abholen, wo er gerade steht.

Alexithymie ist nicht im ICD–10 oder DSM –IV klassifiziert.

Literaturempfehlungen

  • Jenny Brix: Der Alltag mit Alexithymie, Kindle Edition
  • Dr. med. Michael Rufer, Hrsg.: Alexithymie. Eine Störung der Affektregulation. Konzepte, Klinik und Therapie, Verlag Huber, Bern